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Konzeption und Didaktik E-Learning

Ich gebe es zu - ich habe schon potenzielle Aufträge von vornherein verloren, weil ich nicht akzeptieren konnte, dass der potenzielle Kunde ausschließlich 60-minütige Videos von Vorträgen einer Einzelperson online stellen wollte und keine anderen E-Learning-Formate zur Ergänzung plante. Noch nicht einmal eine Transkription des Videos, eine ergänzende Präsentation im Hintergrund oder ein PDF mit begleitenden Materialien und Übungen.

Im Zeitalter von MOOCs bzw. umfangreichen Video-Kursen doch gang und gäbe und sehr beliebt, sagen Sie? Ja, leider schon. Und wie viele Video-Kurse, in denen jemand insgesamt zehn Stunden lang etwas als „talking head“ erzählt hat, haben Sie sich vollständig angesehen? Und was ist davon bei Ihnen hängen geblieben und konnte in die Praxis übertragen werden?

E-Learning nach didaktischen Gesichtspunkten kann so viel mehr sein und den Lernerfolg drastisch ankurbeln. Videos sollten EIN TEIL des Gesamtkonzepts sein. Und dort eingesetzt werden, wo sie dem Lerner einen Vorteil bringen. Kein Medium sollte um seiner selbst eingesetzt werden, sondern weil es die beste Wahl zur Vermittlung der Inhalte ist. Angepasst an die spezifische Zielgruppe.

Gerade bei Trainings in Unternehmen sollen die Lerner bestimmte Arbeitsschritte herleiten und nachvollziehen können sowie Gelerntes einüben und auf die Praxis übertragen können. Und eben dies bietet ein reiner Video-Kurs NICHT, sondern ist wie Frontalunterricht in der Schule. Können Sie sich 60 Minuten lang auf einen Sprecher in einem Video konzentrieren, wenn keine Animationen, aufwändigere Filmproduktionen oder Ähnliches mit dabei sind? Also ich definitiv nicht. Außerdem passt die Geschwindigkeit nicht zu meinem eigenen Lerntempo sowie der Art und Weise, wie ich Informationen verarbeite. Und das geht Vielen so.

Interaktivität ist das A und O im E-Learning

Nicht jeder kann mit Videos lernen, siehe hierzu meinen Artikel zu Lerntypen und Lernformaten [in Arbeit]. Es kommt zwar auf die Gestaltung des Videos an, doch grundsätzlich ist es nun einmal kein interaktives Format. Und Interaktivität ist der Grundstock effektiven E-Learnings. Es entspricht einfach nicht meinem Lerntypus - gehörte Inhalte gehen bei mir sofort wieder zum anderen Ohr hinaus und währenddessen langweile ich mich einfach zu Tode. Natürlich gibt es viele Menschen, die mit Videos sehr gerne lernen. Diese sollten eben die freie WAHL haben, welches Format sie nutzen möchten.

Verzicht aufs Feinkonzept in E-Learning Projekten

Dieser Teil überschneidet sich ein wenig mit meinem Artikel „Projektmanagement im E-Learning“.

Der Hintergrund: ich arbeite zu rund 80 Prozent an eigenen Produkten oder produziere direkt für Endkunden. Zu 20 Prozent aber arbeite ich auch als Konzeptionerin und Drehbuchautorin für Agenturen, wenn mir ein Thema spannend erscheint. Hierbei versuche ich jedes Mal, Umfang und Leistungen glasklar im Voraus abzustecken und ein möglichst passgenaues Angebot zu machen. Trotzdem ereilen mich immer wieder unvorhergesehene Überraschungen, wie es im Leben nunmal so ist. Anders gesagt: nach dem berühmten 80/20 Pareto-Prinzip sorgen diese 20 Prozent für 80 Prozent meines Arbeitsstresses. Aus folgenden Gründen:

Im Sinne von (falsch verstandenem) Lean Management und schnellerer Produktion wird meiner persönlichen Erfahrung nach immer häufiger darauf verzichtet, dem Kunden ein Grobkonzept, welches jeden Teil einer E-Learning-Produktion beschreibt, vor der Umsetzung und vor jedem weiteren Schritt (einschließlich der Drehbuch-Erstellung) vorzulegen und abnehmen zu lassen. Und erst recht wird darauf verzichtet, auf Basis dieser Grobkonzept-Abnahme erst ein Feinkonzept zu erstellen, welches die

- Lernziele & Zielgruppe,
- Struktur & Inhalte,
- Methodik & Didaktik,
- Formate & Medien

exakt beschreibt, bevor dann das Drehbuch erstellt wird.

In meiner Erfahrung ist dies keineswegs zeitsparend, sondern sorgt ganz im Gegenteil für erheblichen Mehraufwand. Warum? Änderungen müssen so für bereits fertig ausformulierte Texte sowie detaillierte grafische Skizzen vorgenommen werden - für Inhalte, die vielleicht gar nicht gewünscht waren.

Inhalte neu zu strukturieren ist ebenfalls erheblich aufwändiger im Drehbuch, als in einem Feinkonzept. Wenn ein gutes Feinkonzept vorliegt, geht darüber hinaus die Drehbucherstellung wesentlich schneller, d. h. hier wird wiederum eine Menge Zeit eingespart.

Ist das nicht gehoppst wie gesprungen? Nein, weil es mehr Aufwand und Zeit verschlingt, das Drehbuch ohne Feinkonzept zu erstellen und bei Änderungswünschen anzupassen, als die bewährten Teilschritte zu vollziehen. Dies potenziert sich mit der Anzahl der fehlenden Jahre an Erfahrung des Drehbuchautoren.

Noch schlimmer - insbesondere hinsichtlich des Budgets des Kunden - ist es, wenn auf Feinkonzept UND Drehbuch verzichtet wird, und auch, wenn das Drehbuch bereits die fertige Layout-Vorlage für die Produktion sein soll, also auch bereits vor der Arbeit mit dem Produktions-Tool das Layout bei jeder Text- und Bildänderungen wieder neu angepasst werden muss. Ich wiederhole mich: eben diesen Zeitaufwand sollte die Abnahme eines Drehbuchs VOR Umsetzung im Layout vermeiden! 

Solange ein Kunde ein Ergebnis wünscht, das bis ins Detail seiner Vorstellung entspricht und ein Mitspracherecht haben möchte ist dies ganz einfach vertane Zeit! Ohne Wenn und Aber. Zulasten des Budgets des Kunden.

Direkt im Autorentool zu produzieren ist nur dann möglich, wenn der Producer auch der Autor ist und ganz alleine über die Struktur, die Inhalte, das Erscheinungsbild und die Interaktionen entscheiden kann und es sicher ist, dass das fertige Ergebnis von keiner anderen Person mehr infrage gestellt wird. Dieser Level entspräche allerdings bereits dem von fertigen Modulen von der Stange, hierfür ist keine Individualproduktion mehr nötig.

Trotzdem war ich als externe Mitarbeiterin an Projekten in Agenturen beteiligt, wo es zwar einen großen Over-head an mehreren Key Account-Managern und Projektmanagern gab, aber gleichzeitig auf diese Weise produziert wurde, anstatt in E-Learning-Kompetenz auf Ebene der Konzeption zu investieren. Der Kunde erhielt am Ende des Budgets und nach weit überschrittener Deadline kein einziges Modul, das seiner Vorstellung entsprach und verweigerte die Bereitstellung weiteren Budgets. Ich muss sagen: zu Recht. Dies wäre durchaus mit erfahrenen E-Learning-Spezialisten vermeidbar gewesen, doch waren mir als externe Mitarbeiterin die Hände gebunden

Was ich Auftraggebern daher rate:

Lassen Sie sich vor Auftragsvergabe bestätigen, welche E-Learning-Experten mit welcher Erfahrung am Projekt beteiligt sind. E-Learning-Kompetenz ist nicht mit Online- oder Medienkompetenz gleichzusetzen! Auch nicht mit Erfahrung in klassischem Training (Seminar, Workshops). Was Sie wollen, sind ein Mediendidaktiker sowie Grafiker und Producer bzw. Programmierer, die mit E-Learning-Tools nachweislich gearbeitet haben und auch die Anforderungen an das fertige Produkt kennen. Also daran, es sich auf Ihrer Lernplattform verhalten sollte sowie welche Auswirkungen es hat, wenn das E-Learning-Modul auf verschiedenen Endgeräten nutzbar sein soll.

Bestehen Sie darauf, dass das Endergebnis klar in den Zielen formuliert wird, bevor Sie den Auftrag für eben dieses Ergebnis vergeben. Bringen Sie in Erfahrung, welche Software für die Produktion genutzt wird und welches Profil die Mitarbeiter mitbringen, die damit arbeiten. Erkundigen Sie sich nach dem Ablauf der Qualitätssicherung und ob diese von Studenten oder von einem Experten durchgeführt wird und was genau dabei berücksichtigt wird.

Legen Sie vorher fest, welches Budget Sie für ggf. zu produzierende Medien und Individual-Produktionen bereitstellen wollen. Denn es gibt Produktionen für 1 Million Euro pro Modul oder für 10.000 Euro. Rapid E-Learning kann noch sehr viel günstiger produziert werden, doch schauen Sie genau hin, was Sie für Ihr Geld an Mitarbeiter-Ressourcen bekommen.

Was niemals leiden sollte, ist die Didaktik! Und diese lässt sich auch mit einfachsten Mitteln umsetzen.

Beispiele für Kostentreiber. Brauchen Sie

- individuell für Sie gezeichnete Grafiken und Avatare?
- eigens programmierte Animationen oder reichen einfache Bewegungen aus, die man direkt im Autorentool erstellen kann?
- überhaupt eine Tonspur und wie viele Sprecher benötigen Sie?
- Interaktionen, die nicht sowieso bereits ins Autorentool integriert sind?

Lerner haben in Umfragen glasklar gesagt, dass sie keinen Wert auf Hochglanz-Produkte und aufwändige Medien legen. Sie wollen Lernmodule mit Relevanz, deren Inhalte direkt auf die Praxis bezogen werden können.

Bestehen Sie auf einem Grobkonzept, das die eingesetzten Medien und Assets, die zu produzieren sind (eingekauftes Bildmaterial, individuelle Bilderstellung und Fotografie, Video-Produktion, Audio-Produktion, Layout / Template-Erstellung, Konzeption, Drehbuch und natürlich Projektmanagement inkl. der verwendeten Projektmanagement-Methoden und der zu erwartenden Dokumentation, Berichten und Zielvereinbarungen). Bestehen Sie darauf, ein Feinkonzept zu erhalten, das sie abnehmen, bevor es an die eigentliche Umsetzung geht.

Bestehen Sie auf einem Drehbuch im Word-Format, das Sie leicht kommentieren können. Eine PowerPoint-Datei mit einem Kommentarfeld für Sie ist auch in Ordnung, aber stellen Sie sicher, dass diese keine Ressourcen für einen detaillierten Layout-Entwurf pro Slide (Folie) verschlingt, sondern Ihnen nur so weit wie wirklich nötig vorskizziert, wie das Ergebnis aussehen wird. Grafik-Entwürfe, Templates, etc. sollten Ihnen parallel separat vorgelegt werden und erst für die eigentliche Produktion genutzt werden.

Auch wenn Ihnen gesagt wird, dass die PPT-Vorlage doch sowieso ins E-Learning-Autoren-Tool importiert werden wird - Änderungen sind aufwändiger umzusetzen und verschlingen IHR Budget, während im Autorentool durchaus noch viele Anpassungen nach dem Import nötig sind.

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